Manchmal bin ich einsam...      

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Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.

Hermann Hesse: Im Nebel

Mais à la mort du jour
Dans les draps de l'ennui
On se retrouve seul.

Jacques Brel: Seul





Der Schlüsselbund klickert in meiner Hand, dann fällt er zu Boden. Ein Klirren schneidet durch das vielgeschössige Treppenhaus. Dann ist wieder Stille. Als ich ihn aufhebe, ist es mir fast so, als würden sie kichern, die Schlüssel, die leise gegeneinanderschlagen. Mit noch immer ungeübten Handgriffen bugsiere ich den Schlüssel ins Schlüsselloch, drehe ihn ein, zwei mal. Endlich öffnet sich die Tür und läßt mich ein.

Dunkelheit schlägt mir entgegen und ein seltsam muffiger Geruch. Natürlich, niemand hat heute schon gelüftet, die Rolläden hochgezogen, die Fenster geöffnet, den Tag hineingelassen. Natürlich. Wer hätte das auch tun sollen? Und dennoch ist es Abend für Abend so etwas wie eine Enttäuschung, daß mich meine eigene Wohnung nicht gastfreundlicher willkommen heißt.

Als ich mich durch die Dunkelheit taste, stoße ich gegen einen Stuhl, stolpere dann über eine Kiste. Noch immer ist sie mir unvertraut, die Anordnung der Möbel. Noch immer, nach über einem halben Jahr.

Ich öffne die Fenster. Die Sonne blendet jetzt, da sich meine Augen bereits an die Dunkelheit gewöhnt haben. Ich kneife sie zusammen, blinzele in den Hof hinunter, wo buntgeschmückte Wäscheleinen hängen und ein paar Kinder auf dem Asphalt Fußball spielen.

Ich drehe mich um und blicke zurück in die Wohnung, die jetzt im hellen Sonnenlicht vor mir liegt, was sie auch nicht wohnlicher, heimischer erscheinen läßt: wenige halb leere Schränke, Kisten, noch immer Umzugskisten, die sich in den Räumen stapeln, manche zum vertrauten Wühlschrank geworden, andere gar nicht erst geöffnet. Da drin sind Dinge, die mir früher einmal sehr wichtig gewesen sein müssen. Jetzt kann ich mich nicht mal mehr erinnern, was. Ich habe nichts vermißt die letzten Monate. Nein, das ist falsch. Ich habe alles vermißt. Welchen Sinn hätte es also, irgendeinen einzelnen Gegenstand aus der Vergangenheit auszugraben, dem Vergessen zu entreißen? Die Zeit ist tot, eingemottet in diesen Kisten und fest verschlossen in meinem Herzen. Ich will nicht mehr zurückdenken. Alles, was war, ist tot.

Meine Schritte hallen noch immer in den Zimmern, als ich jetzt zur Küche gehe. So wie am Tag, als ich diese Wohnung besichtigt habe, was heißt besichtigt, tränenblind unterschrieben habe, was mir der Vermieter vorgelegt hat und dann rausgestürzt bin, raus, nur raus und die nächsten Tage und Wochen war ich von niemandem mehr irgendwo aufzuspüren. Bis ich irgendwann wieder meine Beine auf den Boden bekommen habe, und zumindest wieder so etwas ähnliches wie eine Existenz, einen Alltag aufzubauen versucht habe in der neuen Stadt, der neuen Wohnung, dem neuen Job. Eine Existenz. Kein Leben.

Der Kühlschrank ist nicht leer, ganz im Gegenteil. Er ist so voll, daß ich längst nicht mehr zu sagen weiß, was noch genießbar ist und was längst verdorben. Doch auch heute werde ich nicht die Mühe auf mich nehmen, eine Ordnung in die Dinge zu bekommen. Heute nicht wie an allen bisherigen und an allen künftigen Tagen. Ich greife nach irgendeiner Dose, und als ich sie öffne, ist es Thunfisch in Tomatensoße. So gut oder schlecht wie alles andere. Essen ist mir noch nie wichtig gewesen. Selbst nicht zu Zeiten, als es überhaupt noch Dinge gab, die mir wichtig waren.

Ich schalte den Fernseher ein, der eigentlich immer läuft. Der Fernseher ist ein Freund. Das Radio nicht, das immer die falschen Lieder spielt, Lieder, die man nicht ertragen kann, weil man sie nicht kennt oder noch aus einer anderen Zeit. Der Fernseher ist zu banal, um jemals aufzuwühlen. Ich liebe die Sportübertragungen. Nichts ist so herrlich fern vom eigenen Leben wie zwei Sumoringern oder ein Motorradfahrer, der über Fässer hüpft.

Es ist auch zu still, wenn der Fernseher nicht läuft. Eine Stille, die niemals durchbrochen wird, weil ich eines verkaterten Samtagmorgens, als mich der Postbote aus dem Schlaf geklingelt hat, die Wohnungsklingel außer Gefecht gesetzt habe und das Telefon, das auf dem blanken Holztisch steht, noch immer nicht angemeldet ist und inzwischen von einer dicken Staubschicht bedeckt, mit Ausnahme der Tasten, auf denen ich mich manchmal dabei ertappe eine altvertraute Nummer vor mich hinzuklimpern. Ein jähes Entsetzen jagt durch meinen Körper, wenn ich mir gewahr werde, wessen Nummer das ist, noch immer ist, die sich nicht aus meinem Kopf bannen läßt. Nach über einem halben Jahr noch nicht.

Wenn es so ganz still ist und man überhaupt nichts anderes hört, dann wird jeder Laut, den man von sich gibt zu einem gewaltigen Vulkan, jeder Atemzug zu einem Taifun, jeder Herzschlag zu einem Erdbeben. Ich mag mich nicht hören, schon gar nicht zu einem solchen Naturschauspiel verstärkt, so wie ich mich auch nicht sehen mag und alle Spiegel abgenommen habe. Weil ich mich so nicht rasieren kann, lasse ich mir den Bart wieder wachsen. Wie früher. Ich hatte immer einen Bart, bevor sie...

Ich schreie auf, nein nicht ich, es ist bloß mehr mein Herz, das noch aufschreit, das noch immer die Erinnerung nicht verwinden kann. Ich selbst bleibe inzwischen ruhig, ja regelrecht kalt. Ich atme nicht einmal heftiger. Ich kann ganz ruhig zur Fernbedienung greifen und die Lautstärke hochpegeln, um bloß jede Stimme, jeden Laut in mir zu übertönen.

Stunden später schalte ich den Fernseher wieder ab. Dann stehe ich für Minuten am geöffneten Fenster und blicke noch einmal hinaus, auf die Stadt, die jetzt im Dunkel daliegt. Meistens habe ich ihren Namen vergessen, den Namen der Stadt, in der ich jetzt bereits ein halbes Jahr lebe. Und manchmal, ja manchmal vergesse ich inzwischen meinen eigenen. Natürlich vergesse ich ihn nicht wirklich, er ist nur einfach nicht sofort präsent. Und wozu auch? Ich führe ja keine Selbstgespräche, bei denen ich mich mit meinem Namen anreden müßte. Und sonst? Wer tut das sonst?

Nachts, ohne Fernseher, ohne jeden anderen Laut, ist es still in meiner Wohnung, viel zu still. Und doch: ich kann mich nicht beklagen. Ich schlafe immer problemlos ein. Früher habe ich oft des Abends schwere Gedanken gewälzt. Jetzt ist da einfach nichts mehr zu wälzen. Abends im Bett, da denkt man an die Dinge, die einem wichtig sind, die einen beschäftigen oder belasten. Ich denke immer an gar nichts.

Als ich noch neu war, in der Wohnung, bin ich morgens angstvoll aufgewacht, und habe mich gefragt, wo ich bin, alleine in einem fremden Bett, einer fremden Wohnung, einer fremden Stadt. Die Frage nach dem Wo ist jetzt nur selten noch in meinem Kopf. Doch jeden morgen, wenn ich aufwache, da frage ich mich: warum?





Das Ticken der Uhr

Vollkommen die Stille, die Fenster schalldicht.
Keine Stimme, die die Stummheit durchbricht.
Lang her, daß mir selbst nur ein Wort entfuhr.
Zu hören ist nichts... als das Ticken der Uhr.

Verrammelt die Fenster, verriegelt die Tür,
Keine Spur von Leben dringt noch zu mir.
Jeder Mensch, jedes Tier wäre eine Tortur.
Erträglich ist nichts... als das Ticken der Uhr.

Oh könnt ich nur auch die Gedanken einsperren,
Die Gefühle, die an den Nerven zerren.
Im Herzen schmerzt tief die wunde Blessur.
Und immer und immer tickt dazu die Uhr...

Ohne andre zu sein, ja selbst ohne mich,
Das nennt ich noch Leben, doch nicht ohne dich.
In leeren Gedanken verliert sich die Spur...
Zu hören ist nichts... als das Ticken der Uhr.


Der Schrei

Ein Schrei gellt
hinaus in die Welt:
Sei bei mir, bitte, sei bei mir.
Einsam erschallt
das Echo, verhallt.
Niemand, niemand hält zu Dir.


Der Graben

Der Graben, der mich trennt
von ihnen, ist unendlich weit.
Keiner von ihnen kennt
die Einsamkeit, die in mir schreit.

Sie sind so nah zu berühren
und bleiben doch quälend unnahbar.
Sie können fühlen, nicht spüren.
Sie sehen was ist, nicht was war.

Ihre Worte erreichen mein Ohr nicht,
ihre Augen sehn nicht in mein Herz.
Fremd bleibt mir ihr Gesicht.
Allein bleib ich in meinem Schmerz.


Allein oder einsam

Nie bin ich einsam,
bin ich allein.
Ich kann nur gemeinsam
einsam sein.

In ihrer Sphäre,
packt mich die Pein,
greift ihre Leere
ins Herz mir hinein.

Nie werde ich einer
der ihren je sein.
So bleibe ich keiner
oder ewig allein.


Winterelegie

Wenn sich Rauhreif auf die Fenster legt,
wenn im Morgennebel die Scheibe beschlägt,
dann ist sie wieder da, die Zeit
der Einsamkeit.

Wenn die Tage zu finsteren Nächten werden,
wenn Frost bedeckt alles Leben auf Erden,
ahne ich wieder: ich bin allein
und werd's immer sein.

Wenn die Kälte sich in die Glieder schleicht,
wenn sie das klamme Herz erreicht,
dann begräbt der Winter das Jahr
und alles was war.

Zwar sind zahllose Träume gestorben,
hab ich bloß Jahresringe erworben,
doch hoff ich noch kein bißchen weiser,
nur leiser.



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