Lebenslos zweiter Wahl      

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Man zog einst ein Lebenslos "zweiter Wahl".
Mascha Kaléko: Einmal sollte man...

So tun und leben und handeln die meisten Menschen Tag für Tag, Stunde um Stunde zwanghaft und ohne es eigentlich zu wollen; und diese ewig fortlaufende Mechanik ist es, die sie hindert, gleich mir, Kritik am eigenen Leben zu üben, seine Dummheit und Seichtheit, seine scheußlich grinsende Fragwürdigkeit, seine hoffnungslose Trauer und Öde zu erkennen und zu fühlen.
Hermann Hesse: Der Steppenwolf

Ich küßte einmal so, daß ich es nie vergaß...
Den Rest des Erdenseins kann ich nicht Leben nennen.

Ibn Hasm





Un wieder ein vergeudeter Tag. Getan, was zu tun verlangt wurde, doch nichts, was tatsächlich zu tun wäre. Nichts riskiert, was zu riskieren gewesen wäre. Zu feige und zu bequem. Eingesteckt, sich aufgerieben. Wofür? Für ein paar imaginäre Zahlen auf dem monatlichen Kontoauszug, Zahlen, die mit dem Wert des Lebens ungefähr soviel zu tun haben, wie die Maße eines Bilderrahmens mit dem darin befindlichen Kunstwerk. Nicht, daß sich die meisten Menschen ein Kunstwerk nicht genau wegen Form oder Farbe aussuchen würden. Leider zähle ich nicht dazu.

Vielleicht ist es eine Krankheit, eine Art Fieber, diese zu hohen Erwartungen ans Leben. Und sie versuchen wahrlich, einen davon zu kurieren, all die Menschen um einen mit ihrem gleichförmigen Leben, ihrem tagtäglichen Trott aus dem sie einem auch noch mit glücklichem Grinsen anglotzen. Sie sind glücklich, vermeinen es nicht nur zu sein. Sie können sich gar kein höheres Glück vorstellen als ihr entmündigtes Leben jeden Tag aufs neue zu wiederholen in einer endlosen Rekursion, ohne Höhepunkte, natürlich auch ohne Tiefpunkte, aber in der zutiefst befriedigenden Gewißheit, einer unter vielen zu sein, einer unter allen und alle gleich und niemand ragt heraus und keiner hat Träume, Sehnsüchte, Leidenschaften und alle traben durch die Tage, schleichen durch ihr Leben, verlassen es so spurlos wie sie es betreten haben, ein entschuldigendes Lächeln auf dem Gesicht, daß sie überhaupt ein Mensch gewesen sind. Wenn sie es denn waren...

Nur ich, der Kranke, bin eben anders. Ich will mich nicht abfinden und tue es dann doch. Ich ringe jeden Tag mit mir einen Kampf, den ich nur verlieren kann. Ich werde immer enttäuscht sein, was ich auch anfange. Denn ich bin in der Lage mir ein Leben vorzustellen, daß alles, was sich auf dieser Erde manifestieren wird nur als müden Abglanz erscheinen läßt. Ein wirkliches Leben. Eine Existenz, die würdig wäre, von einem Menschen gelebt zu werden.

Der Geist ist die Krankheit. Und von dem Leben genippt zu haben, dem wirklich Leben, nur gekostet in raren Momenten. Ein Tropfen schon macht abhängiger als jede Droge. Wer einmal geliebt hat, kann sich doch nicht damit zufrieden geben, die Gefühle irgendwann wie einen alten Mantel einzumotten. Wer einmal in den Brunnen der Kunst getaucht ist, kann sich doch fortan nicht mit schalen Vergnügungen und unterhaltsamen Zeitvertreib zufriedengeben. Wer sich einmal in seinem Leben wirklich ausgedrückt hat, kann doch eine fremdbestimmte Angestelltentätigkeit niemals als Selbstverwirklichung begreifen.

Wie hoch stehen diese raren Momente meines Lebens über dem, was Tag für Tag im gleichgeschalteten Trott möglich ist. Wie jämmerlich mickrig und trostlos ist die Öde des Alltagslebens gegenüber dem, was ein Mensch leisten und erfahren könnte, für was er kraft seiner Seele und seines schrankenlosen Verstandes eigentlich befähigt wäre und geschaffen wurde.

Das Tragische ist nicht, daß wir Menschen nicht alles erreichen, was möglich wäre, sondern daß wir es gar nicht versuchen. Daß wir uns zufriedengeben mit dieser Seichtheit und Öde des Lebens. Weil wir nicht ertragen könnten, eine falsche, bedauernswerte Entscheidung zu treffen, einen Irrweg einzuschlagen, entmündigen wir uns selbst, entheben uns jeder Entscheidung, führen ein Leben ohne jegliche selbstbestimmte Einflußnahme wie eine Henne in der Legebatterie.

Und jeder, der sich nicht zufriedengibt, jeder, der mehr verlangt, jeder, der gegen die Banalität und Plattheit unseres Lebens aufbegehrt, wird mundtot gemacht, bekämpft, bekriegt oder mit der ultimativen Waffe, der Lächerlichkeit geschlagen. Weil wir keinen Stachel im Fleisch ertragen können, weil unser Selbstbetrug überhaupt nur dann funktionieren kann, wenn wir nicht nur mit Scheuklappen durch die Welt traben sondern auch noch jeden, der sich uns in die Weg stellt niedertrampeln. Er könnte uns anstecken mit seiner Krankheit, der Unzufriedenheit. Jeder, der einmal vom Leben gekostet ist, ist ein Aussätziger, ein Paria für uns so brave, durchschnittliche Menschen. Markiert ihn mit dem Judenstern und schlagt ein Kreuz wenn ihr ihn seht...

Ich bin ermattet. Die Kraft reicht nicht, um alles zu denken, was ich denken möchte, geschweige denn die Gedanken auch noch auszudrücken, festzuhalten, in Form zu gießen. Der Mensch ist zu schwach für seinen Geist. Oder vielleicht ist der Geist zu schwach für dieses Leben.

Als ich den Fernseher einschalte und durch die Programme zappe, weiß ich, daß ich wieder zu einem Teil von ihnen allen geworden bin, ein Teil der Gattung, die sich Mensch nennt. Und ja, es hat etwas merkwürdig tröstliches. Ich werde mit ihnen johlen, wenn die "eigene" Mannschaft den Ball ins gegnerische Tor tritt. Es ist zwar kein Leben, aber es ist wohl alles, wozu ich fähig bin. Einer unter ihnen. Erst des Nachts, wenn ich wieder mit meinen Gedanken alleine bin, wird die Unzufriedenheit in mir nagen. Leise nur, leise. Denn morgen heißt es wieder früh aufzustehen und sich dem täglichen Trott zu übergeben. Es ist zwar kein Leben, aber es währt ja auch nicht endlos...





In anderen Leben

In anderen Welten wär ich ein Magier
Thronte hoch droben im Elfenbeinturm,
Trotzte den Elementen, Blitz, Donner und Sturm.
Doch hier wohn ich in einem Kleinstadtquartier.

In anderen Zeiten wär ich ein Philosoph,
Forderte Gott zum Disput um die Welt,
Hauste in Tonnen, verachtete das Geld.
Heute leb ich bequem und bleib lieber doof.

In anderen Träumen wär ich dein Traum,
Schlug dich mit Geist und Brillianz in den Bann.
Der, der ich dann wäre, das wäre ein Mann!
Doch der, der ich bin, genügt dir wohl kaum.

In anderen Leben wäre ich ich,
So wie ich wahrhaftig im Innersten bin.
Ich spielte nicht bloß als Laiengaukler mich
Und lebe am eigenen Leben dahin.


Nur leben

An Werktagen sich im Büro zu plagen,
brav zu erfüllen die fremdbestimmte Pflicht -
ich will mich wirklich nicht beklagen
nur leben nennen kann ich das nicht.

Des Abends zum Denken zu müde und blöde
geschweige denn man schriebe gar ein Gedicht
Man erträgt nurmehr die Flimmerkistenöde
nein, leben nennen kann ich das nicht.

Seine Träume hegt man verborgen und still,
denn wenn man darüber mit jemandem spricht,
begreift er nie, was man vom Leben will -
nein, Mitmensch nennen kann ich den nicht.

Man ist gräßlich einsam in dieser Welt,
will man sich nicht zufriedengeben
und will statt zu streben nach Macht und Geld
nur leben, nur leben, nur leben...


Man könnte

Man könnte auf rosa Wolken schweben
als unbeschwerter Luftikus.
Man könnte statt zu streben leben.
Statt dessen: man muß. man muß. man muß.

Man könnte was man tun kann auch tun,
brilliant, kreativ und geistvoll.
Man könnte sich selbst sein und nicht opportun.
Statt dessen: man soll. man soll. man soll.

Was hält einen ab, sich zu entfalten?
Ist es der anderen Druck, ihr Drill?
Oder hemmt man sich selbst, sich zurückzuhalten?
Wo bleibt das: ich will. ich will. ich will.


Leben aus zweiter Hand

Wie Drachen segelten die Ideale im Wind,
Da war man noch Kind.
Doch was man dann als Erwachsener fand:
Ein Leben aus zweiter Hand.

Nichts gleicht den Träumen, die man einst träumte.
Ob man sie versäumte?
Man lebt sein Leben zwischen Anpassung und Pflicht.
Will man mehr nicht?

Daß einem das Leben durch die Finger rann -
Wann das begann?
Wann ersoff das Leben in Banalität?
Und ist es denn jetzt schon für alles zu spät?


Zu viel zu wenig

Es ist viel zu wenig, das Leben zu leben.
Mit schlechten Karten verliert man das Spiel,
muß Hoffnungen, Sehnsüchte, Träume aufgeben.
Doch den Tod zu sterben ist viel zu viel.

Das Leben ist nicht für Menschen gemacht.
Zu schwer ist es für unsre Herzen geraten
das Wissen um die ewige Nacht.
So stirbt man schon vorher auf Raten.



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