Der Mut zu sein      

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Unsere Verwesung ist beschlossen, unbestechlich, und: Wir pflanzen. Unser Verfall kündigt sich an, unwiderruflich, und: Wir bauen. Unser Verschwinden, unsere Auflösung, unser Nichtsein ist gewiß, ist notiert, unauslöschlich - unser Nicht-mehr-hier-Sein steht unmittelbar bevor, und: Wir sind. Wir sind noch. Wir haben den unfaßbaren Mut: Und sind.
Wolfgang Borchert: Gespräch über den Dächern

Doch da ist noch ein Falter.
Und dem gehste nach,
denn der ist so schön bunt.

Robert Gernhardt: Doch da ist noch ein Falter





Wie klein eine Wohnung doch ist, wenn man rastlos alle Zimmer durchwandert, und wie groß ein Kopf, wenn die Gedanken in ihm Sturm laufen.

An manchen Tagen, in manchen Momenten überschwemmt mich die Einsamkeit, die Einsamkeit, in die man doch letztlich immer zurückgeworfen wird, egal wie nah man noch vor Stunden einem anderen Menschen gekommen ist, die Einsamkeit in mir selbst, die Einsamkeit in meinem Herzen...

Und zu der Einsamkeit gesellt sich die Verzweiflung, die Trost- und Hoffnungslosigkeit, die Leere und letztlich unvermeidlich vergängliche Endlichkeit des Seins.

An diesen Tagen, in diesen Momenten türmt sich alles vor einem auf wie ein unüberwindlicher Berg, unbezwingbar, monumental und drohend. Und man steht vor diesem Berg alleine, nichts als man selbst und ist diesem Berg nicht im geringsten gewachsen, wird von ihm zermalmt werden, dem zusammenstürzenden Koloß, wenn man wagt, ihn erklimmen zu wollen...

Das Herz schmerzt einem und im Kopf rasen die Gedanken, Gedanken, die wie vulkanische Lava wieder und wieder aus dem einem hervorbrechen, aus dem tiefsten Inneren quillen, in gewaltigen Gedankenblasen an der Oberfläche platzen und einen Geruch von bitterer Fäulnis hinterlassen.

An diesen Tagen, in diesen Momenten macht nichts mehr einen Sinn. Das Leben zeigt sein wahres Gesicht, seine verabscheungswürdige Fratze, seine Absurdität und Lächerlichkeit, seine grenzenlose Öde und verzweifelte Hoffnungslosigkeit, in der gleichzeitig nichts zu erreichen und alles zu spät ist.

Und dann...

Dann ist da plötzlich ein Lied, nur ein Lied irgendwo in der Ferne oder auch nur im Echo des eigenen Kopfes, ein Lied, das einen derart tief packt, berührt, ein Lied, das jede Faser des Körpers, jede Windung des Gehirns, der Seele zum Schwingen bringt...

Dann ist da plötzlich ein Gedicht, das in zwölf Zeilen alles aussagt, was man seit Wochen aus sich selbst zu quetschen versucht in frucht- und zeitlosem Grübeln, ein Gedicht, das nur hundert Worte braucht, um die Welt zu beschreiben, nicht nur die äußere Welt sondern jeden Winkel, den man in seinem tiefsten Innern verborgen hält...

Dann ist da plötzlich eine Geschichte, eine Geschichte, aus derem Protagonisten einen die eigene Visage, das eigene Schicksal wie aus einem göttlichen Spiegel entgegenblinkt und blinzelt, in einer leisen, ironischen, verschwörerischen Verbrüderung einem zublinzelt, das so vertraute und zuvor nie wirklich erkannte ureigene Gesicht...

Dann ist da plötzlich ein Bild, ein Kunstwerk, eine Fotografie, deren Abbild man bis ins Detail wiedererkennt als die Landschaft seines eigenen Inneren, die Landschaft der eigenen Seeele bis in die letzten Furchen des eigenen Wesens...

In diesen Momenten spürt man plötzlich eine längst zerrissen geglaubte Verbundenheit, eine Zugehörigkeit, eine Aufgehobenheit im Wissen der Menschheit, das den eigenen Schmerz, den Kummer, die abgrundtiefe Verzweiflung längst vorweggenommen und in Form gegossen hat.

In diesen Momenten erhält plötzlich alles, selbst das eigene eben noch so verachtete Leben einen Glanz, einen Inhalt, einen Sinn. In diesen Momenten weiß man, was zu tun ist, was einem Aufgabe und Bestimmung ist.

Man wird ihr nicht nachkommen, gewiß. Man wird schon Minuten später zurückkehren in die Banalitäten und Oberflächlichkeiten seiner Alltagsexistenz. Man wird sich wieder und wieder aufreiben beim Kampf um sinnlose Kleinigkeiten. Man wird sich ablenken lassen, mit Freuden berieseln, um sich selbst und seinem Leben, ja vor allem jedem Anspruch an sich selbst und sein Leben zu entfliehen.

Und dennoch ist sie da. Die Kunst. Und sie wird bleiben. Und sie ist es, die uns eigentlich erst zu Menschen macht. Wenn wir es zulassen.





Künstler der Melancholie

Musiker

Melanie - wer noch nie Lieder wie "Leftover Wine" oder "Johnny Boy" gehört hat, weiß nicht, wie verzweifelt man singen kann...

Georges Moustaki - Nie bin ich einsam mit meiner Eisamkeit.

Jacques Brel - Träume den unmöglichen Traum um den unerreichbaren Stern zu erreichen...

Lyriker

Mascha Kaléko - eine Dichterin der stillen, leisen Melancholie, deren Ton Ironie mit Wehmut und einer unstillbare Sehnsucht vereint.

Erich Fried - der aus seiner Verzweiflung auch politischen Anspruch ableitete und aus diesem wiederum Verzweiflung.

Sylvia Plath - beschreibt in ihren tief verzweifelten Gedichten und einem autobiographischen Roman ihr Leben unter der "Glasglocke".

Schriftsteller

Wolfgang Borchert - der seine Verwzweiflung an Gott und der Welt in einem einzigen Satz zusammenfaßte: "Gibt denn keiner Antwort?"

Hermann Hesse - "Der Steppenwolf" ist ein Meisterwerk eines Verzweifelten und Zerrissenen zwischen geächtetem Rebell und angepaßtem Bourgeoise.

Maler

Edvard Munch - Nicht Äußerlichkeiten waren es, die er in seine Bilder bannte sondern ein zerrissenes, oft verzweifeltes Gefühlsleben wie in seinem bekanntesten Motiv "Der Schrei".



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