Fuehlen, dass sie verloren      

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Heut nacht kann ich die trübsten, traurigsten Verse schreiben.
Denken, daß sie mir fern ist. Fühlen, daß sie verloren.

Pablo Neruda: Heut nacht kann ich die trübsten, traurigsten Verse schreiben

Sag, in was schneide ich deinen Namen?
In mich und in mich und immer tiefer in mich.

Erich Fried: Inschrift





In jedem Gesicht, in das ich sehe, sehe ich deine Augen. In jedem Wort, das ich höre, höre ich deine Stimme. In jedem Luftzug, der über mich streicht, spüre ich dich, nur dich, nur dich.

Man kann es nie wirklich begreifen, dieses Wort: vorbei. Man kann sie nicht fassen, die endlose Zeit, die vor einem liegt, die Zeit ohne dich. Es sprengt schon jedes Vorstellungsvermögen, sich überhaupt die Ewigkeit auszumalen, doch eine Ewigkeit ohne dich? Ein Leben ohne dich? Noch im Tod ohne dich? Für immer ohne dich?

Es gab ein Leben vor dir, irgendwann einmal, so lange zurück, daß ich mich kaum noch daran erinnern kann. Also muß doch auch ein Leben nach dir möglich sein. So weit spielt mein Verstand mit. Ja, das ist logisch. Doch dann bricht sich die Verzweiflung wieder Bahn: Und woraus um alles in der Welt sollte ein Leben ohne dich bloß bestehen?

Ich kann die Dinge nicht neu erfinden, neu erleben, so wie sie einst waren, als sie noch nicht durch deine Gegenwart in eine höhere Dimension erhoben wurden, eine Dimension, die ihnen plötzlich fehlt, wenn sie flach vor mir liegen, ohne jede Tiefe. Du hast diesen Gegenständen nicht nur deinem Atem, nein überhaupt erst einen Sinn eingehaucht, einen Sinn, den sie jetzt verloren haben, wenn sie aus toter Materie in meinen Händen liegen.

Was ist ein Spiegel ohne dein Gesicht in ihm? Was ein Glas, aus dem du nicht trinkst, ein Teller, von dem du nicht ißt, eine Badewanne in der nicht du liegst. Ein Telefon, durch das nicht deine Stimme dringt, ist tot. Ebenso gut könnte ich das Kabel aus der Wand reißen. Könnte ich, wenn ich es nicht längst getan hätte, zu einer Zeit, als ich noch ausgefüllt war mit Leidenschaft, einer verzweifelten zwar, einer jähzornigen, einer dich über alles liebenden. Alles was jetzt übrig ist, ist Leere, Leere, nur mehr Leere.

Die Dinge lassen sich nicht von dir trennen. So wie sich mein Leben nicht von dir trennen läßt, wie ich dich nicht aus mir herausschneiden kann wie eine brennende Wunde. Dein Gift hat längst jede einzelne Zelle durchsetzt. Und es war ein süßes Gift, ein gar zu süßes Gift, ein Gift das mich gelähmt hat, doch mit einer wundervollen, erfüllten Lähmung, einer Lähmung, die mich glücklich machte. Mich, nicht dich. Du versprühst dein Gift jetzt in einem anderen. Eines Tages wird er so tot sein wie ich jetzt.

Vielleicht, wenn es irgendwo Dinge gäbe, die ich nicht mit dir geteilt hätte, Leidenschaften aus meiner Jugend, Kindheitsträume. Vielleicht könnte man in ihnen wieder so etwas wie Leben erfahren. Doch ich fürchte, wir haben zu viel geteilt. Ich kann keinen Gedanken denken, der nicht am Ende zu dir führt. Und diese Gedanken zehren mich auf.

Ich ertrage nichts mehr. Ich ertrage kein Wort, in dem ein Buchstabe deines Namens vorkommt. Ich ertrage keine Welt, in der du bist, die sich um dich dreht. Ich ertrage mich nicht, der ich doch nichts anderes bin als ein Gefäß voller Erinnerungen an dich.

Doch was vielleicht schlimmer als alles andere ist, ist die Ahnung, daß dieser Zustand der Verzweiflung irgendwann sein Ende finden und in die Gleichförmigkeit eines Alltags münden wird, daß ich irgendwann einmal tatsächlich wieder lachen werde, lachen ohne dich. Es gibt keine Rechtfertigung dafür, daß das Leben ohne dich einfach weitergeht, daß es ein Leben ohne dich überhaupt gibt.

Es ist eine verdammt trostlose Zeit, die da vor mir liegt, brach liegt. Ich will in ihr nichts anbauen. Ohne dich verliert das Leben nicht nur seinen Sinn, es verliert jegliches Recht, Leben genannt zu werden. Es ist Zeit, ja, Zeit vielleicht, Zeit die verstreicht. Ich werde ihr dabei zusehen, der Zeit, wie sie vergeht. Doch leben... leben wäre etwas ganz anderes.

Ich schaue aus dem Fenster, sehe eine Wolke und stelle verwundert fest, daß sie mich für Sekunden nicht an dich erinnert hat. Sie hat mich an nichts anderes erinnert, doch auch nicht an dich. Sie war einfach eine Wolke, einfach eine Wolke... Und ich beobachte, wie sie sich gegen den Himmel auflöst.





Noch eben

Ein Morgen, im Sommer, dich in meinem Arm,
Deine Augen, verschlafen, verträumt, noch nachtwarm.
Die Gewißheit, so wird es bleiben im Leben.
Das war doch noch gestern, gerade, noch eben.

Deine Augen, dein Blick, so tief in meine Seele,
Dein Schmerz, wenn ich gehe, wie sehr ich dir fehle.
Die Gewißheit, zwischen uns wird es immer so sein.
Das war doch noch gestern. Jetzt bin ich allein.

Die Gedanken, dein Bild, das mir vor Augen steht,
Deine Worte, die letzten, jetzt bist du es, die geht.
Die Gewißheit, vorüber, ich begreif sie noch kaum,
Sah dich gestern, seh dich heute, seh dich immer im Traum.


Noch immer

Vorbei ist vorbei, gewesen gewesen.
Zuletzt war es nur eine einzige Qual
Von der ich glücklicherweise genesen.
Ich denke noch immer an Dich - manchmal.

Du sagst, es war doch von vornherein klar.
Ich hatte vergeblich so lange gehofft.
Wir waren letztlich zu unvereinbar.
Ich denke noch immer an Dich - zu oft.

Es gibt so vieles, mit dem ich mich abfand,
So viele Fragen blieben ohne Antwort,
Doch nicht daß nie eine Chance bestand.
Ich denke noch immer an Dich - immerfort.


Warum?

Da sind keine Gefühle, keine Bitternis mehr,
stoß ich auf ihr Bild im Fotoalbum.
das alles ist doch schon so lange her,
fast hab ich sie vergessen, die Frage: warum?

Es kommt eben jeder über alles hinweg,
und sei es mit Schmerzen, dann leidet er stumm.
Das Leben geht weiter, es hat doch keinen Zweck,
sich wieder und wieder zu martern: warum?

Es passiert mir nur selten, noch an sie zu denken.
Ich bemühe mich sehr, denke um sie herum.
Doch wie ich auch kämpfe, die Gedanken zu lenken,
sie nagt immer weiter, die Frage: warum?

Es ist wirklich nicht meine Art, daß ich weine.
Schon überhaupt nicht vor Publikum.
Nur eine wie sie gibt es sonst keine.
Ich kann's nicht begreifen: warum nur, warum?


Ohne sie

Es gibt keinen Frühling mehr ohne sie,
sie, die ich einst im Frühling fand.
Es gibt keine Wiesen mehr ohne sie,
ohne mit ihr zu gehen, Hand in Hand.

Es gibt keine Träume mehr ohne sie,
denn von ihr träumte ich jede Nacht.
Es gibt keinen Schlaf mehr ohne sie,
seither habe ich jede Nacht durchwacht.

Es gibt keine Tränen mehr ohne sie.
Die Tränen sind längst alle versiegt.
Es gibt keine Trauer mehr ohne sie
und keinen Menschen, an dem mir was liegt.

Es gibt keine Liebe mehr ohne sie.
Es gibt keine Liebe mehr ohne sie.
Es gibt keine Liebe mehr ohne sie.
Es gibt keine Liebe mehr. Niemals. Nie.


Gestern und heute

Gestern weinte ich Tränen um Dich.
Heute sind sie versiegt.
Gestern kämpfte ich noch um Dich.
Heute bin ich besiegt.

Gestern war mein Herz so wund.
Heute ist es aus Stein.
Gestern gab es noch einen Grund
Heute zu sein.

Gestern macht ich mir um Dich Sorgen.
Heute lach ich zu sehr.
Gestern gab es noch ein morgen.
Heute nicht mehr.



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