Wider den Zeitgeist      

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Melancholisch-phlegmatische Leute aber sind wohl unter allen die unerträglichsten, und mit ihnen zu leben, das ist für jeden vernünftigen und guten Mann Höllenpein auf Erden.
Adolph Freiherr von Knigge: Über den Umgang mit Menschen

Soll man die Wohlgeratenen beneiden,
Die kühl und praktisch nie an Weltschmerz leiden,
Weil ihre Herzen längst gestorben sind?

Mascha Kaléko: Träumer mittleren Alters





Da sitz ich nun also, unter ihnen, unter Menschen, die lachen, feiern. Als Therapie ist mir das verordnet worden. Von Freunden, die es gut meinen. "Du mußt doch mal raus aus Deinem Schneckenhaus!" Ich war zu höflich, nein zu sagen. Oder vielleicht auch nur zu schwach an diesem Abend, zu ausgelaugt vom fruchtlosen Grübeln. Denn es erfordert sehr viel Stärke, gutmeinden Menschen zu widersprechen, Menschen, die einfach nicht verstehen wollen oder können. Wenn ich diese Stärke hätte, würde ich mich jetzt nicht so elend fühlen, unter ihnen. Ich könnte sie leichter ertragen. Aber wenn ich diese Stärke hätte, wäre ich heute auch gar nicht hier.

Doch ich bin hier, unter Menschen, und fühle mich so einsam wie schon lange nicht mehr. Es ist nicht wahr, daß man eimsam ist, wenn man alleine ist. Ganz im Gegenteil. Ohne einen anderen Menschen gäbe es auch keine Einsamkeit. Einsamkeit bedingt geradezu den anderen als Bezugspunkt, als Ursache und unerreichbares Ziel.

Und sie sind so vollkommen unerreichbar, die anderen, wie sie sich gerade im Wettstreit der Erlebnisbanalitäten überbieten. Ich meine, nicht daß ich sie erreichen wollte, wie sie jetzt durcheinander reden, niemand dem anderen zuhört, jeder auf den Vorredner noch eins draufsetzt, ohne daß es auch nur einem von ihnen für eine einzige Sekunde um Wahrheit oder gar Wahrhaftikeit ginge. Und genau das macht die Kluft zwischen ihnen und mir so tief: ich will sie nicht einmal überbrücken. Ich will auf meiner Seite bleiben und von der Seite der anderen am liebsten überhaupt nichts mitbekommen...

Immerhin, sie lassen mich inzwischen in Ruhe. Sie haben ihren Fehler selbst eingesehen, die Gutmeiner. Inzwischen geht es nicht mehr um "mein Bestes", es geht darum ihnen den Spaß nicht zu verderben. Und ich halte mich zurück. Ich bin kein Spaßverderber. Nicht freiwillig jedenfalls. Unfreiwillig sehr wohl, wie mir vorhin erst klar genug demonstriert wurde, als es mir gelungen war, mit wenigen Sätzen eisiges Schweigen im Raum zu verbreiten. Es hat größte Antrengungen des Gastgebers benötigt, die Party wieder in Schwung zu bringen. Endlich sind sie wieder alle fröhlich, unbeschwert. Und keiner begeht jetzt noch den Fehler, mich in den belanglosen Small-Talk einbinden zu wollen.

Also sitze ich eben da. Warum versetzt es mir überhaupt einen Stich, nicht dazuzugehören, wenn ich gar nicht wie sie sein will? Warum macht es mich unglücklich, zu wissen, daß ich sie mit meinen Gedanken, mit wenigen Worten nur unglücklich machen würde, sobald ich anfinge, mich in ihre Gespräche einzumischen, nur ein Korn der Wahrheit in die Selbsttäuschungen der anderen zu legen. Warum macht es sie nicht im geringsten unglücklich, daß ich unglücklich bin?

Einsamkeit hat immer etwas mit zu scharfem Verstand zu tun. Wenn alle Methoden des Selbstbetruges nicht fruchten, weil man sie alle durchschaut, dann bleibt am Ende nur die große, unerträgliche Verlorenheit, das Wissen um die Grenzen, um die Vergänglichkeit, das Wissen, daß sich die eigenen Sehnsüchte nie anderes als in Oberflächlichkeit ersticken lassen, doch in Wahrheit unerfüllbar bleiben müssen bis zur letzten Minute.

Dieser Verstand ist wie eine Qual. Er sticht durch jeden Wattebausch der betäubenden Vergnügungen. Einen selbst und jeden anderen, der den Fehler begeht, sich mit einem abzugeben. Dieser spitze Dorn bohrt sich durch jede verlogene Glückseligkeit, spießt sie gnadenlos auf. Man vermag ihm nicht zu entfliehen. Bestenfalls wird man in verweifelter Flucht vor sich selbst von ihm durchs Leben gejagt. Oder man resigniert irgendwann, gibt auf, versucht zu leben mit dem stets bohrenden Schmerz in seinem Herzen.

Ich stehe jetzt am Fenster und schaue hinaus auf die Weite des Horizonts. Dann wende ich mich um und betrachte die Runde im Zwielicht des beginnenden Abends. Wie eng der Raum doch ist. Ich blicke auf meine Armbanduhr und rechne mir aus, wann ich die anderen werde verlassen können um wenigstens das Mindestmaß von Anstand zu wahren. Ich greife nach einem Glas. Auch dann wird es wieder eine enorme Kraftanstrengung benötigen, das aufgesetzte Bedauern und die wie Barrikaden vor den Abschied gestellten Wünsche, man möge doch noch bleiben, zu durchbrechen. Vielleicht habe ich es aber bis dahin auch geschafft, daß mein Abschied nur von einem großen Schweigen beantwortet werden wird. Und ganz hinten seufzt eine helle Stimme erleichtert auf.

Bis dahin heißt es noch durchzuhalten. Für sie und für mich. Ich lasse mich wieder in meinen Sessel fallen und greife nach einem Glas. Ich sitze nicht unter ihnen. Ich sitze neben ihnen. Und meine Gedanken sind schwarz wie die hereinbrechende Nacht.





Lachen und weinen

Wenn alle Menschen zu lachen scheinen,
muß ich doch weinen,
weil niemand mir die Augen zuhält.

Wenn alle Menschen scheinbar lachen,
kann ich nichts machen:
ich sehe dennoch das Elend der Welt.

Doch worüber die Menschen kollektiv trauern,
was moralinsauer verschließt ihren Mund,
ich gesteh's mit geheucheltem Bedauern:
darüber lach ich und lach ich und lach ich und...


Der Chor der Zeit

Wir lachen und wir klatschen und wir schunkeln
Im Neonlicht. Wir fürchten uns im Dunkeln.
Wir gröhlen laut, sind stolz aufs Vaterland
Und saufen uns um unsren Rest Verstand.

Uns gibts nicht einzeln sondern nur als Masse
Aus Mittelmaß. Wir hassen Stil und Klasse.
Wer anders ist als wir ist unser Feind,
Weil er entlarvt, was mühsam uns vereint.

Durch ihn spürn wir die Öde unsres Lebens,
Daß unsre Fröhlichkeit schal und vergebens.
Der Tiefe fliehen wir und scheun das Denken
Und lassen uns berieseln und ablenken.

Wir lachen laut und sei's noch so verlogen,
Betäuben uns mit Spaß, mit Haß, mit Drogen.
In uns trifft Ignoranz Einfältigkeit.
Wir singen nicht. Wir sind der Chor der Zeit.


Der moderne Mensch

Es ist chic, nicht zu denken,
nur Obskurstes zu glauben.
Man läßt sich gern lenken,
jeder Freiheit berauben.

So ist man nie schuld,
was immer auch sei.
Und mit etwas Geduld
geht das Leben vorbei.

Das Leben heißt Flucht
vor der Tiefe des Seins
Man scheut sich und sucht,
die Seichtheit des Scheins.

Man fürchtet keinen Tod,
wenn zu verlieren nichts ist.
Es bleibt alles im Lot.
Man wird auch nicht vermißt.


Menschen ins Stammbuch geschrieben

Die Welt ist nicht flach sondern rund,
Wahrheit nicht schwarz-weiß sondern bunt.
Das Leben ist komplex und nicht einfach.

Der Horizont ist nicht eng sondern weit.
Das Fundament ist nicht schmal sondern breit,
Grundsätze fest und nicht schwach.

Gefühle sind tief und nicht seicht,
Gedanken schwer und nicht leicht,
Der Mensch ein Mensch und kein Tier.

Will ich das alles verdrängen,
will meinen Geist nur beengen,
warum bin ich dann letzlich hier?


Leichtsinn und Schwermut

Sie lachen voll Leichtsinn,
Du leidest voll Schwermut.
Sie leben so dahin
Und finden sich gut.

Sie kennen keinen Schmerz,
Den der andern schon gar nicht,
Während in deinem Herz
Etwas zerbricht.

Für sie ist alles Spiel,
Du nimmst alles zu schwer.
Du ertrugst schon zu viel.
Sie erträgst du nicht mehr.


Der steinige Pfad

Man holt sich so manche Blessuren und Beulen,
will man nicht mit den Wölfen heulen,
auf der Haut und darunter.

Manch einsamen Gipfel muß man erklimmen,
Gegen manchen Strom muß man anschwimmen.
Nicht selten geht man dabei unter.

Es bleiben zahllose Narben zurück
von der Suche nach dem persönlichen Glück
und mancher Traum geht verloren.

Und doch bleibt dir nur der steinige Pfad
als Einzelgänger, als Unikat.
So wird man wohl schon geboren.



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